Redaktionsorchidee des Monats Juni

Dactylorhiza majalis, Breitblättriges Knabenkraut

Dactylorhiza majalis
Die Orchidee des Jahres 2020 – das Breitblättrige Knabenkraut

Das Breitblättrige Knabenkraut, Dactylorhiza majalis, ist eine kräftige Pflanze mit einer Wuchshöhe von 10 bis 40, selten bis 60 cm. Wo nährstoffarme Feuchtbiotope erhalten geblieben sind, gehört es heute noch zu den häufigsten heimischen Orchi­deen, es ist im Vergleich zu anderen häufigen Pflanzen dennoch recht selten.

Merkmale: Der aufrechte, hohle und im obersten Bereich kantige Stängel ist oftmals violett überlaufen. Im Früh­jahr entwickeln sich vier bis sieben breite, lanzettliche Laubblätter, die meist oberseitig gefleckt sind. Die Intensität der Flecken kann sehr unterschiedlich sein. Die Blüten variieren von Hellrosa bis zu einem dunklen Purpurrot. Der dichte, aufrechte Blütenstand entwickelt bis 50 Einzelblüten, von denen die unteren meist schon blühen, bevor der Stängel ausgewachsen ist. Die dreilappige Lippe der Blüte weist in ihrem hellen Zentrum fast immer eine typische, schleifenförmige, violette Zeichnung auf.
Die Pflanze ist nicht immer leicht zu bestimmen, da sie stark variieren kann und auch dazu neigt, sich mit anderen Arten zu kreuzen. An vielen Standort ist ihr Erbmaterial im Genom zwar dominant, jedoch handelt es sich meist um Hybri­den, vor allem mit Dact. maculata, aber auch mit Dact. incarnata, Dact. sphagnicola und anderen.
Das Breitblättrige Knabenkraut wächst an son­ni­gen Plätzen auf kalk- und nährstoffarmen Feucht­wiesen und in Flachmooren. Oft kommt es zusam­men mit der Sumpfdotterblume, Caltha palustris, vor. Wenn es von Mai bis Juni blüht, lockt der verführerische Duft vor allem Bienen und Hummeln an. Obwohl die Blüten keinen Nektar enthalten, versuchen die Insekten immer wieder Nektar zu finden und bestäuben so die Pflanzen. Meh­re­re Wochen nach der Befruchtung reifen die Fruchtkap­seln, die jeweils rund 60000 winzige Samen enthalten und sich nur bei schönem Wetter öffnen. Die staubfei­nen Samen sind so leicht, dass sie unter Mit­hilfe des Windes Distanzen von 10 km zurücklegen können. Da der Samen kein Nähr­ge­webe aufweist, ist er zur Keimung auf Mykorrhiza-Wurzelpilze angewiesen. Nur dort, wo die Samen diese Pilze im Boden vorfinden, erhalten sie mit deren Hilfe die nötigen Nährstoffe zum Keimen.
Neben der Vermehrung durch Samen kann die Orchidee auch aus der Mutterknolle des Vorjahrs austreiben. Alle Knabenkräuter sind Knollen-Geo­phyten, mit einer zweiteiligen Wur­zelknolle als Speicherorgan. Nach der Blüte bildet sich eine sogenannte Tochterknolle, aus der im nächsten Jahr eine neue Pflanze entsteht.

Schutz: Früher wurden ihre Lebensräume im großen Stil trockengelegt. Das passiert heute aufgrund des gesetzlichen Schutzes nur noch selten. Beein­träch­tigungen durch Einträge von Nährstoffen, falsche Bewirtschaftung oder Nutzungsaufgabe machen den wenigen Restvorkommen zu schaffen. Neben der Lebensraumzerstörung gefährdet auch Tro­cken­heit im Frühjahr die Pflanzen, da sie nicht zu den Arten gehören, die mit dem Klima­wan­del gut zurecht kommen. Das Breit­blättrige Knabenkraut ist oft die letzte der heimischen Or­chideenarten, die an einem geschädigten Wuchs­ort ausharrt. Doch wenn es zu trocken und nährstoffreich wird, sind auch seine Tage gezählt. In der Roten Liste ist die Pflanze in der Stufe 3 als gefährdet aufgeführt.

Das Orchideensumpfbeet im Garten: Die Orchideen werden, wie alle Pflanzen, je nach Standort in Vegetationstypen unterteilt. Diese unterschiedlichen Standorttypen müssen für die erfolgreiche Orchideenpflege im Garten nachvollzogen werden. Dabei gelten die Verhältnisse in der Natur als anzustrebendes Vorbild. Es ist zu bedenken, dass bisher nur wenige Erfahrungen vorliegen und leider noch weniger veröffentlicht wurden. Das bisher Bekannte kann dem Gartenorchi­deenlieb­haber aber vermutlich erheblich weiterhelfen.
Es gibt im Wesentlichen vier Vegetationsbereiche, die den in der Natur vorgefundenen Standort­bedingungen entsprechen. Dactylorhiza majalis ist vornehmlich in Feuchtwiesen und am Rande von Quellsümpfen und Bächen anzutreffen. Es empfiehlt sich, im neuen Feuchtbiotop im Jahr vor der Erstbepflanzung mit Orchideen ein möglichst naturnahes Kleinklima zu schaffen.

Der Feucht- und Nassbereich im Garten: Als Feuchtgebiete werden Habitate bezeichnet, die sich durch hoch anstehendes Grundwasser aus­zeichnen oder in denen Quellwasser zutage tritt. Es werden daher offene, nasse Wiesen oder solche mit Sträuchern und Bäumen wie Erlen und Weiden oder mit Gehölzgruppen bewachsene Flächen, Hänge oder Ufer sein. Selbst im Sommer wird der Boden hier nie völlig trocken, obwohl er den Sonnenstrahlen durchaus offen ausgesetzt sein kann. Der Boden wird in der Ebene zumeist im leicht saueren Bereich, im kalksteinhaltigen Gebir­ge oder bei Flächen über basischem Gestein hingegen etwas über dem pH-Wert 7 liegen. Leider wurden in den vergangenen Jahren viele derartige Flächen durch Drainage entwässert und etlichen Orchideen dadurch die Lebens­grundlage entzogen.
Ökologische Zeigerpflanzen für Feuchtbiotop sind beispielsweise das Herzblatt, Parnassia palustris, die Kuckucks-Lichtnelke, Lychnis flos-cuculi, und das Wiesenschaumkraut, Cardamine pratensis. In den Alpen und höheren Mittelgebirgen sind außerdem das Fettkraut, Pinguicula vulgaris, und die Simsenlilie, Tofieldia calyculata, typisch. An Ufern kann auch der Fieberklee, Menyanthes trifoliata, biotopprägend vorkommen.
Die Anlage des Feuchtbeets erfordert im Garten eine Isolierung des wasserhaltigen Substrats gegenüber dem umgebenden, trockeneren Boden. Es sollte im sonnigsten Teil des Gartens platziert werden und ständige Bodennässe aufweisen. Am kostengünstigsten dürfte es sein, nach dem Aus­heben einer etwa 50 cm tiefen Grube diese mit einer Teichfolie auszulegen (am Rande mit einem Sicherheitszuschlag von etwa 20 cm Breite abschneiden), mit nährstoffarmem Substrat sowie Regen- oder nährstoffarmem Quellwasser zur Hälfte auffüllen.

Eine Teichwanne: Wer die finanzielle Ausgabe nicht scheut, sollte jedoch eine vorgefertigte, handelsübliche Teich­wanne einbringen. Denn solch ein Behälter hat den Vorteil, dass er, leicht schräg eingesetzt, sogar unterschiedliche Feuchtigkeitsstufen anbieten kann. Es ist dabei zu bedenken, dass nach der Einsenkung mit einem Teil des ausgehobenen Bodens außerhalb der Wanne die Grube aufzufüllen ist. Nach der Platzierung der Wanne wird der Randbereich mit durch Wasser eingeschlämm­te Erde aufgefüllt. Damit kein Auftrieb der Teich­form erfolgt, wird sie ebenfalls bald mit Regen- oder Quellwasser gefüllt. Wer diesen Einbau bereits im Herbst verrichtet, der hebt sich das seitliche Auffüllen am besten bis zum Frühiahr auf, denn inzwischen wurde die Wanne durch den herbst- und winterlichen Regen größtenteils gefüllt. Bewährt hat es sich, Kunststoffeimer oder -kästen (die aber etwa 10 cm niedriger sein müssen als die Teichwanne tief ist) zu verwenden und diese seitlich mit einem oder zwei Löchern zum Wasseraustausch im oberen und unteren Bereich zu versehen. An einem frostfreien Wintertag, wenn das Wasser nicht gefroren ist, werden diese Behälter (mit der Öffnung nach unten) in die Wanne eingesetzt. Danach wird zur Stabi­lisierung ihrer Lage eine Schicht Quarzkies, grober Blähton, Bimskies (jeweils feine Bestand­teile aussieben) oder Ähnliches etwa zur Hälfte der Eimer und Käs­ten oder auch etwas höher eingefüllt.
Die Löcher seitlich vom Eimerboden, die sich nun oben befinden, müssen aber später im Natur­boden­be­reich platziert sein. Bewirkt wird durch die seitlichen Löcher neben der Luft- und Wasser­regulie­rung, das Absenken der Erde zu behindern und die Grundver­schläm­mung zu verzögern. Durch dieses Verfahren wird neben der sicheren Wasser­ver­sor­gung auch Erde gespart.
Nun wird bis zum Frühjahr gewartet. Ein Auftrieb der Teichform beim Auffüllen des Außenbereichs mit Aushuberde und deren Einschlämmen oder Stopfen ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu erwarten. Natürlich kann zunächst auch Regenwas­ser langsam bis zum Rand nachgefüllt und das vorgesehene Feuchthabitat hergerichtet werden, bevor der Außenbereich wieder aufgefüllt wird.
Ein etwa 5 cm breites Kupferband um das Orchi­deen­beet herum hält Schnecken fern. Doch auch außerhalb eines Schneckenzauns lässt sich ein Feuchtbeet anlegen, sofern der wasseraufnehmende Behälter genügend groß ist. Ein Teichge­bil­de nach den bereits erwähnten Bauweisen (es eignet sich auch eine größere, industriell gefertigte Teichwanne) wird geschaffen und wie beschrieben aufgefüllt, aber so, dass dann ringsum ein mindestens 15 cm breiter Wasserstreifen verläuft. Da alle Land-Nacktschnecken zur Ordnung der Lungenschnecken gehören, meiden sie das Was­ser, denn sie können den Wasserstreifen nicht über­winden. Auf der Insel können sich nun die feuchtigkeitsliebenden Orchideen ungestört entwickeln und höchstwahrscheinlich auch vermehren. Aber: Wenn die Schnecken aus irgendeinem Grund ins Wasser fallen, liegen sie nicht gleich in den letzten Zügen, sondern schaffen es zumeist noch, dem nassen Element zu entkommen, und dann ist es die Frage, nach welcher Seite sie sich wenden.

Schwimmende Insel: Wer in seinem Garten bereits über einen kleinen Teich oder Weiher verfügt, aber keinen Platz für einen zweiten hat, kann das Problem mit einer schwimmenden Insel lösen. Auf eine mindestens 5 cm dicke Styroporplatte oder einen größeren, flachen Styroporbehälter, oft als Verpackungs­ma­terial anfallend, wird das Pflanzsubstrat gleichmäßig verteilt. Gleichmäßig deshalb, damit die Insel nicht seitenlastig wird und umkippt. Aller­dings ist das Substrat mit Feuchtigkeit zu versorgen, entweder durch Gewichtsbelastung, damit die Styroporoberkante unterhalb des Wasser­spie­gels liegt, oder durch Löcher, die ins Styropor gestochen werden.

Feuchte Gartenorchideenerde: Als Pflanzsubstrat, mindestens 15 cm hoch über der Eimeroberkante, aber 10 cm über der Wasser­oberfläche, könnten verschiedene Materialien ver­wendet werden: 1. Erde von Maul­wurfhaufen, 2. Schlamm, der bei der Reinigung eines unbelasteten Teichs anfällt, 3. Bodenaushub von Bauvor­haben aus einer Tiefe von etwa 10 bis 30 cm, 4. Torf, möglichst abgelagert, Lavakies, feiner Flusskies und Ähnliches, oder 5. Vermiculit (Achtung: basisch) oder Anderes als Feuch­­tigkeitsspeicher.
Für die Pflanzschicht, bis 1 cm über der Knolle, mischen Sie zwei Teile humosen Boden mit einem Teil Torf oder gebrauchtes, aber unbedingt erneut sterilisiertes Zimmerorchideensubstrat. Nach dem Set­zen des Inhalts füllen Sie noch einmal auf, und zwar bis zu 2 cm unterhalb des endgültigen Ni­veaus. Die etwa 2 cm messende, obere Schicht sollte sehr locker sein und nach einem Regen nicht verschlämmen. Diese Voraussetzung erfüllt beispielsweise eine Mischung aus drei Teilen Torf, einem Teil Erde und einem Teil feinem Kies (keinen Sand). Der pH-Wert soll dann zwischen 5,5 und 6,5 liegen.
Für eine kalkliebende Bepflanzung können, statt Erde und Kies, ein bis zwei Teile Kalksteinchen mit etwas Vermiculit verwendet werden.

Fazit: Die Voraussetzungen für die Verteilung mancher Orchideenarten in unterschiedlichen Lebens­räu­men in der Natur sind nicht umfassend erforscht. Da an solchen Forschungen nichts verdient werden kann und Grundlagenforschung so gut wie nicht mehr gefördert wird, ist seitens der Univer­sitäten hier zurzeit nicht viel Neues zu erwarten. Deshalb können die Gartenorchideenfreunde hier durchaus neue Erkenntnisse beitragen. Wichtig ist, dass sie sich mit den bei der Kultur auftretenden Problemen befassen und auch dann darüber berichten, wenn etwas schiefgeht. Aus vielen Ein­zelinformationen kann im Laufe der Zeit durchaus fundiertes, umfangreiches Wissen zusammenge­tragen werden.

Steckbrief – Dactylorhiza majalis

Unterfamilie: Orchidoideae Eaton, 1807

Gattung: Dactylorhiza Neck. ex Nevski, 1937 – nomen conservandum

Art: Dactylorhiza majalis (Rchb.) P. F. Hunt & Summerh., 1965

Synonyme (Auswahl): Orchis majalis, Orchis latifolia var. majalis, Orchis latifolia ssp. majalis, Dactylorchis majalis und Dactylorhiza comosa ssp. majalis.

Deutscher Name: Breitblättriges Knabenkraut

Herkunft: Von Europa bis Sibirien, in die Mongolei und die Nordtürkei.

Größe: 10 bis 60 cm Blütenstandshöhe.

Pflege: Gartenkultur nur auf mageren, kalkreichen und feuchten, aber nicht staunassen Standorten.

Wasser: Regen- oder weiches Quellwasser.

Düngung: Keine oder extrem sparsam.

Vermehrung: Durch Teilung umfangreicher Altbestände oder über Sämlinge.

Literatur
Dank, N. 2016. Feuchtgebiete im Pflanz­kasten Orchideenparadies für Dactylorhiza & Co. OrchideenZauber 9(2), #47, 64–71.
Schuster, U. 2009. Orchideen im Garten. OrchideenZauber 2(3), #6, 52–55.
Schuster, U. 2011. Orchideen im Moorbeet. OrchideenZauber 4(2), #17, 8–15.

Dactylorhiza majalis ‚Alba‘, Weißes Breitblättriges Knabenkraut
Dactylorhiza majalis, Breitblättriges Knabenkraut,
Naturstandort, Niedermoor auf dem Geißkopf im Bayerischen Wald

Unsere aktuelle OrchideenZauber-Ausgabe – Mai/Juni 2021:

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